Von der Fabrik zum Lebensraum
Ein Industriegelände verändert seinen Maßstab – von Schicht und Produktion zu Schritt und Begegnung.
Konzept für eine Dokumentation, die diesen Wandel begleitet und nachhaltig, menschlich erfahrbar macht.
DIE IDEE
Mein erster fotografischer Ansatz für das Kodak-Areal in Stuttgart-Wangen folgt der Tradition der New Topographics: Jener Bewegung amerikanischer Fotografen, die in den 1970er Jahren begannen, vom Menschen veränderte Landschaften – Industriegebiete, Zweckbauten, Brachflächen – mit derselben visuellen Ernsthaftigkeit zu behandeln wie klassische Naturlandschaften.
Das gesamte Gelände in Wangen interessiert mich als komplexes Gefüge: Produktionshallen, Freiflächen, Zäune, Asphalt, das markante U-förmige Hauptgebäude, die Infrastruktur des Alltäglichen, das sich über Jahrzehnte abgelagert hat. Was auf den ersten Blick wie kühle Sachlichkeit wirkt, ist in Wahrheit eine künstlerische Entscheidung von erheblicher Tragweite:
Nicht der dramatische Blickwinkel, nicht das inszenierte Licht, nicht der emotionale Kommentar erzeugen Bedeutung – sondern die Entscheidung, jeden Teil dieses Geländes gleich ernst zu nehmen. Wer dem Randstreifen zwischen Lagerhalle und Zaun dieselbe Aufmerksamkeit schenkt wie dem Prachtbau aus den 1930er Jahren, stellt keine These auf. Er öffnet eine Frage. Und diese Frage – was war hier und im Kontext der Umstrukturierung - was entsteht hier – ist das, was beim Betrachter bleibt. Nicht als Information. Als Erfahrung.
PHASE I
Bevor der erste Bagger anrollt, möchte ich das Areal in seinem jetzigen Zustand vollständig festhalten – fotografisch und filmisch.
Diese Bestandsaufnahme ist kein technisches Protokoll, sondern eine künstlerische Archäologie: Ich gehe durch den Ort wie durch ein Dokument. Ich fotografiere mit der Großbildkamera 4x5 inch und ich filme mit einer 35mm Filmkamera. Das Filmmaterial wird von Kodak sein. Den Ton nehme ich mit einem analogen Nagra Tonrecorder auf.
Die Entscheidung, das Kodak-Areal so analog wie möglich zu dokumentieren, ist keine nostalgische Geste, sondern eine inhaltliche. Kodak war der Weltkonzern der analogen Bildwelt. Das Unternehmen hat die Digitalkamera selbst erfunden – 1975 – und sie in der Schublade gelassen. Das Gelände in Wangen ist der physische Überrest dieser Entscheidung, der materielle Abdruck einer analogen Zivilisation. Wenn ich diesen Ort mit Film und Band dokumentiere, kommentiert das Medium sein Sujet, ohne einen einzigen erklärenden Satz zu brauchen. Die Langsamkeit des Prozesses – das Einrichten der Großbildkamera, die begrenzte Zahl der Aufnahmen, die Sorgfalt, die jeder einzelne Frame erzwingt – ist selbst eine Aussage über den Wert dessen, was hier festgehalten wird, bevor es verschwindet.
Das Ergebnis der Bestandsaufnahme ist ein erstes eigenständiges Werk: Eine Fotoserie und eine kurze Filmsequenz, die als Prolog zum Gesamtprojekt funktioniert. Dieses Material kann sofort eingesetzt werden – für Pressearbeit, Investorenpräsentationen, Ausstellungen und vor allem auch im gegebenen Ortskontext des Areals.
DIE ARBEITSWEISE
Ich arbeite prozessorientiert und offen mit dem Ziel die best mögliche Bildsprache, das best mögliche Narrativ für eine Geschichte zu finden. Ich beobachte zuerst. Ich werte aus und kehre wieder zurück. Ich lasse den Ort selbst sprechen, meine Bilder sind die Interpretation dieses Dialoges. Ich entscheide dann, was und wie ich es zeige.
Diese Haltung schließt technische Präzision nicht aus. Ich arbeite mit professionellem Equipment, das der Aufgabe entspricht: Digitale, aber auch analoge Kinokamera für Film, Großbildkamera 4×5 Inch für die fotografische Bestandsaufnahme. Das analoge Negativ ist ein physisches Archiv. Es überdauert Dateiformate und digitale Obsoleszenz.
Meine Shootingtage sind gut vorbereitet und effizient – ich arbeite mit einem eingespielten kleinen Team, um trotz Filmarbeit den Freiraum für unvorhergesehene, für den Film wichtige Ereignisse zu erhalten. Ich kommuniziere offen über den Stand des Projekts und beziehe meine Auftraggeber in meinen Prozess und die Entwicklung der Bildsprache mit ein, ohne die künstlerische Eigenverantwortung auf- oder abzugeben.
Über Mich
Ich bin Thorsten Harms geb. 1978 in Köln – Cinematograph und Fotograf mit Wohnsitz in München. Meine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von dokumentarischer Beobachtung und essayistischem Erzählen. Ich bin sowohl szenisch als auch dokumentarisch im Filmgeschäft tätig. Ich werde für Auftragsarbeiten engagiert und verwirkliche immer wieder freie Projekte. Ich arbeite mit bewegtem und stehendem Bild gleichwertig: nicht als parallele Disziplinen, sondern als zwei Aggregatzustände derselben Wahrnehmung.
Was mich antreibt, ist die Frage, wie Orte Bedeutung tragen und wie sich diese Bedeutung verändert, wenn der Ort sich selbst verändert. Ich interessiere mich für das Dazwischen: Das Hier und Jetzt, zwischen dem, was war, und dem, was entsteht. Dieser Moment ist flüchtig – und genau deshalb dokumentationswürdig für mich. Genau jener subjektive Ausdruck meiner Wahrnehmung wird seit über 35 Jahren zu Bilder - hiermit lebe ich meine Leidenschaft zu erzählen.
Ausbildung & Berufserfahrung
2000 – 2003
Fachakademie für Fotodesign, München
Abschluss: Staatlich geprüfter Fotodesigner
2003 – 2009
Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF)
Studium Dokumentarfilm & Kamera
seit 2009
Freiberufliche Tätigkeit als Cinematograph und Fotograf
Schwerpunkte: Architektur, Stadtentwicklung, Kulturportrait
Die HFF München ist eine der renommiertesten Filmhochschulen im deutschsprachigen Raum und international angesehen. Das Studium hat meine Haltung geprägt: Film nicht als Abbildung, sondern als Interpretation der Wirklichkeit zu verstehen. Fotografie als eigenständige Sprache, nicht als Beiwerk für eine Bebilderung.
In den folgenden Jahren habe ich an dokumentarischen Langzeitprojekten fotografisch und filmisch gearbeitet. Entstanden sind Buch- und Ausstellungsprojekte wie TRACKS & TRACES oder der sich im Schnitt befindende Dokumentarfilm KODAMA über den künstlerischen Prozesse des Bildhauers Lars Zech. Aber auch Kinofilme wie Fack Ju Göhte 1-3, Die wilden Kerle und mehr als 70 weitere Filmprojekte entstanden seither, im In- und Ausland. Firmen und Institutionen wie TRIUMPH, BULTHAUP, UVEX, SONAX, OPEL, der Deutsche Alpenverein aber auch Kulturbetriebe wie die MK Münchner Kammerspiele haben mit mir gearbeitet.
Gerade läuft der von mir als Kameramann auf der ganz Welt gedrehte Dokumentarfilm GIRLS DON’T CRY, nach langer und erfolgreicher Festivalauswertung mit über 35 Festivals, 5 Preisen und dem Prädikat „besonders wertvoll“ der deutschen Filmbewertungsstelle in den hiesigen Kinos.
Meine Arbeit ist auf folgenden Plattformen zu sehen:
Film & Bewegtbild
thorstenharmscinematographie.de
Fotografie
REFERENZEN